Hong Kong 2007

You always have a choice.

Oktober 23, 2007 · Kommentar schreiben

Trällert mir meine Musik vor. Irgendwie seltsam – auf eine unerwartete Art und Weise scheint mir meine Umwelt in letzter Zeit ab und zu gute Ratschläge zu geben: Sein es Plakate, meine Musik oder einfach nur ein Buch…

You always have a choice – ich habe immer die Wahl, die Möglichkeit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Immer. Überall. Die Wahl hatte ich definitiv… gehabt. Dachte ich bisher. Denn auch jetzt noch habe ich die Wahl, ich kann Entscheidungen treffen und festlegen, was gut für mich ist – und was nicht. Heute war wieder einmal ein bemerkenswerter Tag, um es vorsichtig auszudrücken. Das Midterm war – naja, ich hab schon dazu geschrieben… Danach gabs wieder meine Lieblingsvorlesung (die ohne Struktur, Folien, Buch und so weiter…) und anschließend (um 18.30 Uhr) eine 3-stündige (!) Vorlesung über chinesische Regulierung und Rechnungslegung, die eigentlich das verhauene Midterm-Exam „ersetzen“ sollte, sprich mich und meine Kursambitionen wieder ins Gleichgewicht bringen sollte. Kann man sich doch denken: Rechnungslegung & China – das passt doch gut, vor allem bei meinen deutschen Schwerpunkten! Lernt man was über China und gleichzeitig noch was für’s Leben. Und dazu war die Veranstaltung auch noch als Kollaboration mit Deloitte angepriesen! Mensch – Praxisbezug als Gratisbeigabe… Das hörte sich doch nach meiner Erlösung an!

DENKSTE! Ich setzt mich rein und bin der EINZIGE Austauschstudent, nicht mal ABCs oder ABKs saßen hier – also diejenigen, die sich als Chinesen tarnen und letztendlich Amerikaner sind… (American Born Chinese / Koreans…). Dementsprechend schaute mich die Dozentin auch etwas verwirrt an, um es milde auszudrücken. Ihre Verwunderung konnte ich auch nach einigen Minuten verstehen, als dann die Abstimmung kam, ob denn Putonghua (Hochchinesisch) für Fragen und Erklärungen genehmigt werden sollte. Puntonghwas? Ich hab vorsichtshalber mal mit „Nein“ abgestimmt…

Wurde aber irgendwie überstimmt… Naja – heißt ja erstmal nichts schlimmes! Wozu gibt es denn Bücher. ÄÄäähh, ja – Bücher. Für diesen Kurs gabs keine. Ähh, Quatsch – es gibt welche. Aber die sind in Chinesisch. Immerhin geht es hier ja um chinesische Tatsachen. Sauber… noch hatte ich nicht aufgegeben – immerhin hatte sich ja ein Gastredner von Deloitte Touche Tomatsu angekündigt (eine der „Big 4″-Accounting Firms) – und der hieß Jonathan mit Vornamen, das „Yuen“ als Nachnamen störte mich erstmal nicht. Der gute Mann war Partner bei Deloitte und kam nach kurzer Zeit auch in den Saal… Vorher wurde mir freundlicher Weise der Lebenslauf vorgelesen, denn der war nur in Chinesisch vorhanden. Aber der Vortrag wird bestimmt interessant, dachte ich mir…
Dachte ich. Dachte ich wirklich. Ehrlich! Hello, my name is Jonnnasssooon, i wöölk fol Deloitte – and I have never had a plessentäätion in English. FUCK!? WAS??? Der Knabe arbeitet 10 Jahre für Deloitte und spricht kaum Englisch? Och, nööö. Sauber – jetzt saß ich da mitten im Hörsaal und durfte mir 3 (!) Stunden einen Vortrag über SPEZIFIKA der chinesischen Rechnungslegung anhören. WAAAAASSS soll das? Der Kursbeschreibung war zu entnehmen, dass es sich hier um einen einleitenden Kurs handeln sollte, der Besonderheiten herausstellt und sie in politischen Kontext einordnet. Und nicht sowas! Was bringen mir Paragraphen mit chinesischen Fachbezeichnungen? Was bringen mir chinesische Handelsparagraphen (in chinesischen Schriftzeichen, versteht sich….)?

Nichts. Schade. Wirklich Schade. Chance vertan, midterm verhauen. Kurse unfreiwillig reduziert. Yippie – ich fange an, diese Universität zu lieben. Verkauft jemand günstig große Mengen an Sprengstoff? Bitte melden. Zahle bar.

Aaahhhh…. Aber zum Glück bin ich nicht mehr der einzige, der so denkt (ich vermeide bewusst das Wort „leidet“, denn diese Tragödie bringt mehr und mehr komödiale Eigenschaften ans Tageslicht). Ich versuch mal, die besten Zitate zu rezitieren:

(Schotte): „They don’t sleep! They’re fuc**** ANIMALS!“ (Zur Lern“einstellung“ unserer Kommilitonen aus China)

(Schotte): „And the worst thing: this is gonna continue all their life! Why do they call that ‘life’ again?“

(Schwedin): „My midterm? I wouldn’t call it a catastrophe – I’ll stick with ‘disaster’…“

(Deutscher): „Ich hab noch keinen Exchange-Student getroffen, der jemals die Wörter „sehr gut“ und „Prüfung“ gleichzeitig in den Mund genommen hat…“

Irgendwie witzig – hab mich heute mit ein paar Leuten unterhalten, einfach mal, um einen Überblick zu gewinnen. Ich kann bei vielen auch verstehen, dass es „ganz OK“ läuft, denn der Großteil hier ist „Exchange Student“ und nicht „Visiting Student“, so wie ich. Der Unterschied ist nicht groß, aber bedeutend. Denn ich habe keinerlei Referenzen – was Kurse angeht, was Workload angeht, und und und… Und meine fellow students haben mehrere Kurse, die bereits von Exchange Students besucht wurden, Vorgaben und Ansprechpartner. Und das erleichtert einiges. Es gibt ja nicht ohne Grund Austauschprogramme – irgendeinen Sinn soll sowas ja schon machen. Schade, dass mir das erst jetzt auffällt. Ansonsten hätte ich wohl einen einfacheren Weg gewählt.

Oder doch nicht? Hmmm… schwere Entscheidung, denn alles, was jetzt hinter mir liegt und noch vor mir liegt, beruht auf einer bewussten Entscheidung. Vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas undurchdacht und wagemutig – aber bewusst. Keiner hat mich gezwungen und ich habe wahrscheinlich bewusst das „Abenteuer“ gewählt – ohne es wirklich zu „wissen“. Klingt verwirrend, ist es auch. Spartaner schickten ihre männlichen Teenager alleine und unbewaffnet in den Wald – ich schick mich selber alleine und unvorbereitet nach Hong Kong. Das ist schon ne Parallele, finde ich. Und raus kommt beides mal das gleiche: Ein neuer Mensch.

Es gibt Dinge, die zeichnen einen Menschen aus und es gibt Dinge, die einen Menschen definieren – und es gibt wiederum Dinge, die variabel sind – in beide Richtungen. Auch, wenn ich hier viele negative Erfahrungen mache – ich mache Erfahrungen und Erfahrung bedeutet Lernen und Lernen ist gut… Lernen kann man nie genug – und das, was meine Monate in Asien mich lehren ist auch gut. Alles eine Frage der Perspektive, denke ich.

Apropos lernen: Morgen gehts erstmal in einen Buchladen am Exchange Square (die HongKonger Bölse oder auch Börse…), denn lernen kann man nie genug und dort gibts Büüüücher über Themen, die mich interessieren. Na, wenn das nichts ist, womit ich verlorene akademische Fortschritte aufholen kann, dann weiß ich auch nicht mehr ;)

P.s.: Dieser Abschitt ist mit Ironie zu konsumieren. Eltern haften für ihre Kinder.

Kategorien: Auslandssemester Hong Kong

Back to Basics

Oktober 23, 2007 · Kommentar schreiben

Heute war der 2. Tag, an dem ich zurück an der Uni war… Und es ging direkt mit einem Midterm los. Monetary Economics – auf Deutsch „Geld und Währung“… Einer der Scheine, die ich eigentlich hier erledigen wollte, um sie in Deutschland ersetzen zu können.

Denkste. Das 2-stündige Exam war für mich nach geschlagenen 29 Minuten beendet. Zwecks China-Aufenthalt und Germany-Besuch war meine Vorbereitung etwas schmaler ausgefallen (hauptsächlich lags aber am fehlenden Interesse und an der absolut chaotischen Unterrichtsweise…) und das hat sich gerächt. Aber das witzige war, dass es mich nicht wirklich gestört hat. Denn das wäre verschwendete Energie gewesen. Als ich das Exampaper gesehen hatte, hab ich mich allen Ernstes kurz gefragt, ob ich nicht vielleicht versehentlich die falsche Vorlesung gewählt hab und dementsprechend was ganz anderes gelernt hab…?! Nee… Die Kursnummer stimmte. Noch nie in meinem gesamten Leben (nicht mal 1.Klasse Grundschule…) war ich so unvorbereitet in eine Klausur gegangen, aber es tat gut, denn keine Note, keine lächerliche Klausur spielt wirklich eine Rolle.

Aber die HKU macht es einem auch nicht leicht. Selbst die verbleibenden 3 Kurse, die mich interessieren sind unfassbar organisiert und so unfassbar schlecht „vorgelesen“, dass einem schlecht wird. PISA hin oder her – unser Bildungssystem rockt! Schlechtes Englisch kann man ja noch verkraften – aber bei unglaublich schlechten Tutorials, fehlenden Vorlesungsfolien, sich andauern versprechenden Lektoren, fehlendem Material und einer unmenschlichen Lernatmosphäre hört es bei mir persönlich auf.
Wenn ich ein kleiner Chinese wäre, würde ich definitiv Müllmann werden, oder Barkeeper oder sonst was. Ich würde aber nie im Leben einen freiwilligen Fuß in diese Universität setzen. „We breed Excellence“ brüllt es mich von einem großen Poster an…. OK – Recht habt ihr – irgendwas „züchtet“ ihr definitiv, aber Exzellenz sieht für mich anders aus. Ihr züchtet Computer ohne Stromanschluss, aber bei weitem keine exzellenten Graduenten. Hilfe! Ich will wieder verschusselte Deutsche Professoren haben – mit Buch, mit Folien und mit Hirn…. Büüüüdddeeee…..

Kategorien: Auslandssemester Hong Kong

Beijing – Day 4

Oktober 23, 2007 · Kommentar schreiben

Der Vollständigkeit halber stelle ich auch noch den vierten Tag hier rein…
Nach unserem „Abenteuer“ auf der großen bösen Mauer waren wir ziemlich platt, so dass wir den Tag erstmal gemütlich eingeleitet haben: Leckeres Frühstück und dann ganz entspannt mit dem Taxi in die City, denn wir hatten am 2. Tag eine wundervolle Idee bekommen: Rikscha-Tour durch die historischen „Hutongs“ Beijings. Hutongs sind im Grunde unglaublich schmale Straßen (keine Chance mit Taxi…), in denen in alten chinesischen Gebäuden noch um die 20% der Bevölkerung Beijings wohnen.

Der arme Rikscha-Fahrer wusste wohl nicht ganz, worauf er sich eingelassen hatte, denn ich und Christina sind bei weitem nicht korpulent,aber ich denke wir stellen jeden Durchschnitts-Chinesen gewichtsmäßig sowas von in den Schatten, dass unser kleiner Fahrer ziemlich zu strampeln hatte und sein Fahrrad des öfteren knackende Geräusche von sich gab… Streckenweise hat er das Gespann sogar geschoben *ooops…*. Die Tour war aber sehr interessant, da der gute Mann sich in den Hutongs wirklich gut auskannte und uns so einige Interessante Sache erzählen konnte. Der wohl erstaunlichste Vergleich war der folgende: In den Häusern dieser Straßen wohnten in der Ming-Dynastie (war’s die Ming-Dynastie..!?) noch eine Familie, wohingegen dort heute bis zu 10 (!) Familien wohnen. Das war krass, denn die Gebäude waren nicht wirklich groß…

Mann war das anstrengend :) :

Anschließend ging es in den „Temple of Heaven Park“ – wiederum eine der Top-Attraktionen Pekings. Sehr schön – viel Feng Shui, viele Tempel und mal wieder viel zu viele Touristen… Aber wir ham’s gesehen – soviel dazu…

Da dieses Manöver mal wieder einiges an Zeit und Energie verschlungen hatte, brauchten wir 2 dringend was zu Essen. Und da uns Chinesische Nahrung (ich verzichte bewusst auf den Ausdruck „Essen“) mittlerweile aus den Ohren wieder rauskam, hatten wir eine blendende Idee: Lonely Planet raus und nach nem Italiener gesucht. Schwupps auch einen gefunden und ab ins Taxi. Doch auf dem Weg hat es Gott mit uns gut gemeint – er führte den unwissenden Taxifahrer an einer religiösen Hochburg der amerikanischen Esskultur vorbei: HOOTERS! Jawoll, alle die es kennen, werden mich gerade verfluchen, alle die es nicht kennen spätestens dann, wenn sie herausgefunden haben, was wir dort betreten hatten… Curly Fries, Cheeseburger, ESPN, Bedienungen in kurzen orangefarbenen Shorts und free Coca-Cola-Refills! Kurz gesagt: Pekings kulinarisches Refugium für alle, die einfach keine Lust mehr auf Reis & Nudeln haben. Ich würd das so gerne fotografisch dokumentieren, aber ich hab mal wieder keinen Platz bei flickr.com… Ich reich das nach ;) !

Gestärkt konnten wir den Abend dann auch noch entsprechend ausklingen lassen. Es ging ins MIX, direkt gegenüber vom VICS (wie innovativ…, wenn die wüssten) und haben das Pekinger Club-Life ausprobiert. Nicht ganz so verrückt, wie ich es erhofft hatte, aber nicht schlecht. Wann hat man das schonmal, dass einem die Haare wackeln – und dass meterweit von einer Box entfernt??? Sowas wäre in Deutschland rein TÜV-technisch nicht möglich… Aber vielleicht ist das hier notwendig, die Chinesen sind zwecks Straßenlärm und Co. wahrscheinlich sowieso alle taub.

Resumee: Peking ist China. China ist seltsam. Hong Kong ist nicht China.

Chinesen sind nochmal verschiedener als HK-Chinesen. Die kulturellen Unterschiede werden noch deutlicher – vor allem auf menschlicher Seite. Chinesen mit Ostdeutschen und HK-Chinesen mit Wessies zu vergleichen, wäre zwar fies, aber untertrieben… Denn die Unterschiede sind gravierender und offensichtlicher. Ich hatte die HK-Chinesen als verschlossen und nicht weltoffen beschrieben – doch das war bevor ich „echte“ Chinesen getroffen hatte. Der Sozialismus steckt überall und bestimmt alles und jeden. Die Denk- und Lebensweise der Chinesen ist unglaublich eingeschränkt und ich hatte das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Menschen sind hier nicht Menschen, sondern Ressourcen. Das Leben scheint kein Leben zu sein, sondern nur ein Zeitraum, in dem man möglichst viel arbeiten kann… Rücksicht, Respekt und Mitgefühl sind Fremdwörter – Individualität, freier Wille und Innovation können höchstwahrscheinlich auch mit 24.000 Schriftzeichen nicht übersetzt werden.

China entwickelt sich rasant, aber jedes Prozent Wachstum scheint mit vielen Opfern verbunden zu sein – seien es Menschen, Natur oder Lebensqualität. Es wirkt sehr gezwungen und wie ein verbitteter Wettkampf mit der Welt. Auch, wenn ich das bisher nur oberflächlich erfahren habe – irgendwie macht mir das ganze Angst und ich hab das Gefühl, dass alles irgendwann in einem großen Knall zu Ende gehen wird…

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